Skip to content

Regen im Tropenwald – und Folgen für die Weltmärkte

Es braucht nicht viel: eine Trockenperiode in einem schmalen Streifen tropischen Regenwalds in Mittelamerika. Wenige Wochen später steigen die Frachtraten, die Agrarmärkte werden nervöser und die Preise für Flüssigerdgas ziehen in Asien an.

Kein Hafen wird blockiert. Keine Pipeline fällt aus. Kein militärischer Konflikt stört die Schifffahrt.

Der Grund ist weit unspektakulärer: Es regnet zu wenig.

Im Zentrum steht der Panamakanal, eine der wichtigsten Handelsachsen der Welt. Hier sind Niederschläge weit mehr als eine meteorologische Grösse. Sie entscheiden mit darüber, wie reibungslos der Welthandel funktioniert.

Eine Wasserstrasse, die auf Regen angewiesen ist

Wer an einen Kanal denkt, stellt sich meist einen Wasserweg vor, der zwei Meere auf gleicher Höhe verbindet. In Panama funktioniert das anders.

Die Landenge erhebt sich in ihrer Mitte deutlich über das Meeresspiegelniveau. Ein Kanal auf Meereshöhe wäre deshalb kaum realisierbar gewesen. Stattdessen werden Schiffe mithilfe eines Schleusensystems stufenweise angehoben und wieder abgesenkt.

Ein Schiff fährt in eine Schleuse ein, die Tore schliessen sich hinter ihm, und Millionen Liter Süsswasser strömen in die Kammer. So wird das Schiff um mehrere Meter angehoben. Dieser Vorgang wiederholt sich, bis es den Gatún-See erreicht hat – den künstlichen Stausee im Zentrum des Kanalsystems. Auf der anderen Seite verläuft der Prozess in umgekehrter Richtung, bis das Schiff wieder Meereshöhe erreicht.

Ohne Süsswasser läuft im Panamakanal nichts.

Für jede Durchfahrt werden rund 190 Millionen Liter benötigt. Dieses Wasser fliesst anschliessend ins Meer und steht dem Kanalsystem nicht mehr zur Verfügung. Gespeist wird der Gatún-See ausschliesslich durch Niederschläge im tropischen Einzugsgebiet Panamas.

Bleibt der Regen aus, stösst das System an seine Grenzen. Ohne funktionierende Schleusen kommt der Schiffsverkehr zum Erliegen.

Eine Schlüsselroute für den Welthandel

Rund sechs Prozent des weltweiten Seehandels passieren den Panamakanal. Jedes Jahr durchqueren etwa 14’000 Schiffe die Wasserstrasse und transportieren rund 500 Millionen Tonnen Güter.

Für die Vereinigten Staaten ist die Bedeutung besonders gross: Fast 40 Prozent des amerikanischen Containerverkehrs werden über Panama abgewickelt.

Zu den wichtigsten Gütern zählt verflüssigtes Erdgas (LNG). Produzenten an der US-Golfküste beliefern über den Kanal die Energiemärkte Ostasiens, insbesondere Japan, Südkorea und China. Ohne diese Verbindung müssten die Tanker den langen Umweg um Südamerika in Kauf nehmen.

Ebenso bedeutend sind Agrargüter. Sojabohnen, Mais und Weizen aus dem amerikanischen Mittleren Westen gelangen über Flüsse und Golfhäfen nach Panama und von dort weiter nach Asien. Verzögerungen auf dieser Route wirken sich rasch auf internationale Agrarmärkte aus.

Daneben passieren Erdölprodukte, Fahrzeuge und Containerladungen aller Art die Wasserstrasse – in beide Richtungen.

Die Dürre von 2023 und 2024 als Belastungsprobe

Wie abhängig der Kanal vom Wetter ist, zeigte sich eindrücklich während des El-Niño-Ereignisses der Jahre 2023 und 2024.

Die Niederschläge blieben deutlich unter dem langjährigen Durchschnitt. Der Pegel des Gatún-Sees fiel auf historische Tiefstände, und die Kanalbehörde sah sich gezwungen, die Zahl der täglichen Durchfahrten zu reduzieren.

Unter normalen Bedingungen passieren täglich zwischen 36 und 38 Schiffe den Kanal. Während der Dürre sank diese Zahl zeitweise auf lediglich 22 bis 24 Schiffe. Die Kapazität verringerte sich damit um nahezu 40 Prozent.

Vor beiden Kanaleinfahrten bildeten sich lange Warteschlangen. Einige Schiffe lagen mehrere Wochen vor Anker, bevor sie ihre Durchfahrt antreten konnten.

Für die Reedereien stellte sich eine kostspielige Frage: warten, für prioritäre Durchfahrtsrechte bezahlen oder eine alternative Route wählen? Die begehrten Reservierungsslots wurden teilweise für mehr als eine halbe Million Dollar versteigert.

Wer ausweichen musste, sah sich mit erheblichen Mehrkosten konfrontiert. Diese blieben nicht bei den Reedereien hängen, sondern wurden entlang der Lieferketten weitergegeben – bis hin zu Energieversorgern, Industrieunternehmen und Konsumenten.

Eine Trockenperiode im panamaischen Regenwald war damit plötzlich auch in Europa, Asien und Nordamerika spürbar.

Wenn nur noch der Umweg bleibt

Kann ein Schiff den Kanal nicht nutzen, bleiben nur wenige Alternativen.

Die bekannteste Route führt um Kap Hoorn an der Südspitze des amerikanischen Kontinents. Je nach Ausgangspunkt verlängert sich die Reise dadurch um rund zehn Tage. Hinzu kommt die berüchtigte Drake-Passage zwischen Südamerika und der Antarktis, eines der stürmischsten Seegebiete der Welt.

Eine weitere Möglichkeit bietet die Magellanstrasse. Sie ist meist weniger rau, stellt die Schifffahrt wegen ihrer engen und verwinkelten Passagen aber ebenfalls vor Herausforderungen.

Keine dieser Alternativen erreicht die Effizienz des Panamakanals. Die 82 Kilometer lange Wasserstrasse bleibt die mit Abstand schnellste Verbindung zwischen Atlantik und Pazifik.

Vom Jahrhundertprojekt zur globalen Drehscheibe

Die Idee eines Kanals durch Panama entstand bereits im 19. Jahrhundert. Erste Bauversuche unternahmen die Franzosen in den 1880er Jahren, scheiterten jedoch an technischen Schwierigkeiten, Krankheiten und finanziellen Problemen.

1904 übernahmen die Vereinigten Staaten das Projekt und führten es zu Ende. Im August 1914 wurde der Kanal offiziell eröffnet.

Der Bau gehörte zu den grössten Ingenieurleistungen seiner Zeit, war jedoch mit hohen menschlichen Kosten verbunden. Zehntausende Arbeiter verloren durch Krankheiten und Unfälle ihr Leben, viele von ihnen stammten aus der Karibik.

Bis Ende des 20. Jahrhunderts stand der Kanal unter amerikanischer Kontrolle. Mit den Torrijos-Carter-Verträgen begann 1977 die schrittweise Übergabe an Panama, die am 31. Dezember 1999 abgeschlossen wurde.

2016 wurde ein umfangreicher Ausbau fertiggestellt. Die neuen Neo-Panamax-Schleusen ermöglichen seither die Passage deutlich grösserer Schiffe und haben die Bedeutung des Kanals nochmals erhöht.

Warum Rohstoffhändler auf den Wetterbericht schauen

Für Rohstoffhändler ist der Panamakanal weit mehr als eine Schifffahrtsroute.

Als einer der bedeutendsten Engpässe des Welthandels liefert er wertvolle Hinweise darauf, wie angespannt globale Lieferketten gerade sind.

Entsprechend genau werden die Zahl der Durchfahrten, Warteschlangen vor den Schleusen und die Preise für Reservierungen verfolgt. Stauen sich LNG-Tanker vor Colón auf der Karibikseite des Kanals, hinterlässt das oft auch Spuren auf den asiatischen Gasmärkten.

Ähnlich verhält es sich bei Agrarrohstoffen. Verzögerungen bei US-Sojalieferungen nach China können Handelsströme verschieben und die Nachfrage nach brasilianischen Exporten erhöhen.

Längst beobachten Marktteilnehmer deshalb nicht nur Frachtkosten und Lagerbestände, sondern auch Wettermodelle. Prognosen zu El Niño finden heute regelmässig Eingang in Marktanalysen, weil sie Hinweise darauf liefern, wie viele Schiffe den Kanal in den kommenden Monaten passieren können.

Der Regen über Panama ist längst mehr als eine Wetterfrage. Für die Rohstoffmärkte ist er zu einem Marktindikator geworden.