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Olivier Hubert – Leiter der Metallabteilung bei ING Schweiz

Zwischen wachsendem Bedarf, geopolitischen Spannungen und der Herausforderung europäischer strategischer Autonomie.

Explodierende Nachfrage nach Metallen für die Zukunft

Die Energiewende, der Aufstieg der Künstlichen Intelligenz und der Verteidigungssektor werden enorme Mengen an Metallen wie Kupfer, Aluminium, Nickel, Kobalt, Mangan, Lithium, Stahl, Speziallegierungen und Seltenen Erden erfordern. Bis 2030 könnte sich die Nachfrage nach einigen dieser Metalle verdreifachen und bis 2040 sogar vervierfachen.

Gleichzeitig führt ein Mangel an Investitionen in Förderung und Verarbeitung sowie äußerst lange Projektlaufzeiten (eine neue Kupfermine benötigt im Durchschnitt rund 20 Jahre bis zur Inbetriebnahme) zu wachsendem Druck auf das Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage. Die größten Versorgungsdefizite werden bei Kupfer, Kobalt, Lithium und Nickel erwartet, ebenso bei Seltenen Erden. Bereits ab 2025 wurden Engpässe bei Kupfer und Silber deutlich, was zu steigenden Preisen führte. Insgesamt werden laut Internationaler Energieagentur bis 2040 Investitionen in Höhe von 500 bis 600 Milliarden US-Dollar erforderlich sein, um den Bedarf zu decken¹.

Chinesische Dominanz und wachsende Risiken

China investiert seit Jahrzehnten massiv in den Abbau und die Raffinierung von Metallen – nicht nur im eigenen Land, sondern auch in Lateinamerika und Afrika – und ist damit zum weltweit führenden Produzenten und Exporteur geworden. Das Land kontrolliert rund 50 % der weltweiten Produktion von Kupfer, Zink und Zinn, mehr als 70 % der Nickelproduktion (einschließlich Vermögenswerten in Indonesien), von Kobalt und Lithium sowie über 90 % der Produktion von Mangan, Graphit und Seltenen Erden².

Europäische und US-amerikanische Industrien sind daher stark von Peking abhängig, was Risiken für Wirtschaft, Energiewende, technologische Entwicklung und auch den Verteidigungssektor birgt. Die geografische Konzentration von Ressourcen und die zunehmende geopolitische Polarisierung machen die Lieferketten anfällig und veranlassen die EU und die USA, ihre Rohstoffstrategien zu verstärken.

Die europäische Antwort: Mehr Autonomie und Resilienz

Als Reaktion darauf verabschiedete Europa 2024 den Gesetzesrahmen zu kritischen Rohstoffen (Critical Raw Materials Act, CRMA), um die heimische Produktion, die Resilienz und die Nachhaltigkeit des Sektors zu stärken. Die Ziele für 2030 sind klar: Mindestens 10 % des jährlichen EU-Verbrauchs sollen aus eigener Förderung stammen, 40 % der Raffinierung und Verarbeitung sollen in Europa erfolgen, 25 % der verwendeten Metalle aus Recyclingprozessen kommen, und die Abhängigkeit von einem einzelnen Drittland darf 65 % nicht überschreiten.

Allerdings verfügt Europa nur über begrenzte mineralische Ressourcen, und die Eröffnung neuer Minen auf einem dicht besiedelten Kontinent ist – insbesondere aus ökologischen und sozialen (ESG-)Gründen – äußerst komplex. Der Schwerpunkt muss daher auf dem Aufbau von Minen außerhalb der EU sowie auf Investitionen in die Verarbeitung und das Recycling von Metallen innerhalb Europas liegen.

Protektionismus und Marktherausforderungen

Importbarrieren wie der CO₂-Grenzausgleichsmechanismus (CBAM) sowie Importquoten, Zölle oder Mindestimportpreise könnten in bestimmten Fällen dazu beitragen, die metallurgische Industrie in Europa zu stärken oder neu zu positionieren. Die CO₂-Bepreisung in Verbindung mit CBAM dürfte europäische Unternehmen dazu anregen, in eine grüne Produktion zu investieren, die für die Klimaziele Europas entscheidend ist.

Gleichzeitig führen diese neuen Regulierungen und die Angebotsknappheit zu höherer Volatilität, Komplexität und Unsicherheit entlang der gesamten Lieferkette – Herausforderungen, die Händler und Industrieunternehmen bewältigen müssen.

Die Sicherung der Versorgung mit diesen strategischen Ressourcen ist daher zu einer absoluten Priorität geworden. Sie erfordert erhebliche Investitionen und Finanzierungen, Regulierung, Innovation, internationale Zusammenarbeit sowie die Berücksichtigung ökologischer Aspekte, um eine widerstandsfähige und nachhaltige metallurgische Industrie in Europa aufzubauen.

¹ IEA Critical Minerals Data Explorer (Mai 2025)
² US Geopolitical Survey