Kaffeesäcke auf ihrem Weg durch maritime Engpässe
Nehmen Sie eine Tasse Kaffee in die Hand. Die Bohnen stammen vermutlich aus Brasilien oder Äthiopien, und das Schiff, das sie nach Europa oder Nordamerika gebracht hat, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit durch den Suezkanal gefahren, bevor es Rotterdam oder Los Angeles erreichte. Denken Sie nun an den Kraftstoff in Ihrem Auto: Rund ein Fünftel des weltweiten Ölangebots passiert eine einzige schmale Wasserstraße zwischen Iran und Oman. Der Chip in Ihrem Smartphone wurde über die Straße von Malakka transportiert. Der Weizen in Ihrem Brot hat das Schwarze Meer wahrscheinlich über die türkischen Meerengen verlassen.
Die meisten Menschen werden diese Orte nie zu Gesicht bekommen. Dennoch beeinflussen sie nahezu jeden Gegenstand des täglichen Lebens. Vierzehn Wasserstraßen, manche nur wenige Kilometer breit, bestimmen mit, welchen Preis die Welt für lebenswichtige Güter zahlt.
Was ist ein maritimer Engpass?
Ein maritimer Engpass ist eine schmale Passage, durch die sich der Schiffsverkehr aus einem viel größeren Meer oder Ozean auf einen engen Korridor konzentriert. Man stelle sich eine Autobahn vor, die plötzlich auf eine einzige Fahrspur verengt wird. Alle Lastwagen müssen weiterhin hindurch. Kommt es zu einem Unfall, einer Sperrung oder ungünstigen Wetterbedingungen, staut sich alles dahinter.
Auf offener See können Schiffe den meisten Problemen ausweichen. In einem Engpass ist das nicht möglich. Die geografischen Gegebenheiten zwingen alle Schiffe auf dieselbe Route. Genau diese Konzentration des Verkehrs macht solche Passagen zugleich unverzichtbar und verwundbar. Ein einziges auf Grund gelaufenes Schiff kann einen Kanal vollständig blockieren. Beschließt ein Küstenstaat, den Transit einzuschränken, können sich weltweite Handelsströme innerhalb kürzester Zeit verschieben.
Die Besonderheit dieser Routen liegt in einem Paradoxon: Gerade das, was sie effizient macht, nämlich ihre Kürze und direkte Verbindung, macht sie auch anfällig für Störungen.
Warum Rohstoffe auf enge Wasserwege angewiesen sind
Nach Angaben der UNCTAD werden rund 90 Prozent aller weltweit gehandelten Waren auf dem Seeweg transportiert. Dazu gehören Öl, Flüssigerdgas (LNG), Getreide, Kohle, Eisenerz und Kupfer. Die Transportwege dieser Güter ergeben sich aus den Standorten ihrer Produktion und ihres Verbrauchs. Fast immer führen sie durch mindestens einen maritimen Engpass.
Öl aus dem Persischen Golf passiert die Straße von Hormus. Ukrainisches Getreide verlässt das Schwarze Meer über die türkischen Meerengen. Chinesische Industriegüter erreichen Europa über die Straße von Malakka und anschließend den Suezkanal. Flüssigerdgas aus Katar überquert den Indischen Ozean und verteilt sich anschließend auf verschiedene Routen: Ein Teil gelangt durch Bab al-Mandab nach Westen, ein anderer durch die Straße von Malakka nach Osten.
Fiele einer dieser Korridore aus, würden die Lieferketten nicht stillstehen. Sie müssten jedoch umgeleitet werden, was erhebliche Kosten und Verzögerungen verursachen würde. Maritime Engpässe sind deshalb weit mehr als geographische Besonderheiten. Sie bilden einen wesentlichen Bestandteil der Infrastruktur des Welthandels.
Was geschieht, wenn ein Engpass geschlossen wird?
Die Schließung eines maritimen Engpasses löst eine Kettenreaktion aus, die Märkte, Preise und Logistik gleichermaßen betrifft.
Die erste Folge sind Umwege. Eine Fahrt vom Roten Meer nach Nordeuropa über den Suezkanal dauert normalerweise rund zwölf Tage. Muss ein Schiff stattdessen Afrika umfahren, kann die Reise bis zu 26 Tage in Anspruch nehmen. Diese zusätzlichen Tage binden Schiffe länger und verringern ihre Verfügbarkeit für weitere Transporte. Auf Hunderte von Schiffen hochgerechnet schrumpft dadurch die effektiv verfügbare Kapazität der weltweiten Handelsflotte.
In der Folge steigen die Frachtraten, also die Kosten für den Transport eines Containers oder einer Tonne Fracht. Sinkt die verfügbare Kapazität, steigen die Preise. Die zusätzlichen Kosten werden entlang der gesamten Wertschöpfungskette weitergegeben: an Importeure, Händler und letztlich an die Verbraucherinnen und Verbraucher.
Auch die Rohstoffmärkte reagieren. Öl, das gewöhnlich nach zwei Wochen sein Ziel erreicht, benötigt plötzlich doppelt so lange. Gleichzeitig erhöhen sich die Versicherungsprämien für Schiffe, die durch betroffene Regionen verkehren.
Der Review of Maritime Transport der UNCTAD zeigt, wie sich Störungen in einem einzelnen Korridor über vernetzte Lieferketten auf andere Teile der Weltwirtschaft übertragen können. So können selbst Preise in Supermärkten weit entfernt von jeder Küste steigen, weil eine schmale Wasserstraße auf der anderen Seite der Welt schwieriger passierbar geworden ist.
Warum Rohstoffhändler diese Passagen täglich beobachten
Rohstoffhändler verfolgen nicht nur Angebot und Nachfrage eines bestimmten Produkts. Sie beobachten die gesamte Logistikkette, die Produzenten mit Käufern verbindet. Maritime Engpässe markieren dabei jene Stellen, an denen diese Kette am stärksten gefährdet ist.
Bereits Gerüchte, Wetterwarnungen oder politische Entscheidungen können die Frachtraten innerhalb weniger Stunden beeinflussen. Diese Kosten bestimmen den sogenannten „Delivered Price“, also die Gesamtkosten, um eine Ware vom Produzenten bis zum Endabnehmer zu transportieren.
Nach Angaben des Institute for Supply Management (ISM) werden jährlich Waren im Wert von rund 3,5 Billionen US-Dollar durch die Straße von Malakka transportiert. Diese Zahl verdeutlicht, welcher wirtschaftliche Wert an einem einzigen Durchgang konzentriert ist.
Darüber hinaus kalkulieren Händler Risikoprämien ein. Dabei handelt es sich um Aufschläge, die die Wahrscheinlichkeit widerspiegeln, dass eine Route schwieriger oder teurer zu nutzen wird. Laut der Energy Information Administration (EIA) beeinflussen die durch maritime Engpässe fließenden Mengen unmittelbar jene Referenzpreise, an denen sich die internationalen Ölmärkte orientieren.
Die Geografie dieser schmalen Wasserstraßen steckt damit letztlich in vielen Preisen unseres Alltags, vom Benzin an der Tankstelle bis zu den Produkten im Supermarkt.
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Jeder Beitrag dieser Serie widmet sich einem maritimen Engpass. Er beleuchtet dessen Geschichte, erklärt seine Bedeutung für den Welthandel, stellt die wichtigsten dort transportierten Rohstoffe vor und zeigt auf, wie Störungen globale Lieferketten beeinträchtigen können.