Ein erheblicher Teil des Handels zwischen Asien und Europa passiert zwei maritime Nadelöhre: die Meerenge von Bab el-Mandeb am südlichen Eingang des Roten Meeres und den Suezkanal in Ägypten.
Für zahlreiche Güter des täglichen Lebens – von Elektronikprodukten über Fahrzeuge bis hin zu industriellen Vorleistungen – führt der kürzeste Seeweg nach Europa durch diesen Korridor. Entsprechend groß ist seine Bedeutung für globale Lieferketten, Energieversorgung und Welthandel.
Gemeinsam bilden Bab el-Mandeb und der Suezkanal die wichtigste direkte Seeverbindung zwischen den asiatischen Produktionszentren und den Absatzmärkten Europas. Fällt einer der beiden Engpässe aus, sind die Handelsströme zwischen den beiden Wirtschaftsräumen unmittelbar betroffen.
Zwei Nadelöhre mit globaler Bedeutung
Am südlichen Eingang des Roten Meeres liegt die Meerenge von Bab el-Mandeb. Sie trennt den Jemen von Dschibuti und ist an ihrer schmalsten Stelle lediglich 29 Kilometer breit.
Rund 2.000 Kilometer weiter nördlich verbindet der 193 Kilometer lange Suezkanal das Rote Meer mit dem Mittelmeer. Seit seiner Eröffnung im Jahr 1869 zählt er zu den bedeutendsten Verkehrswegen des internationalen Handels.
Beide Seewege sind eng miteinander verknüpft. Ein Schiff auf dem Weg von Shanghai nach Rotterdam muss zunächst Bab el-Mandeb durchqueren, anschließend das gesamte Rote Meer passieren und erreicht erst danach den Suezkanal. Eine Unterbrechung an einer dieser Schlüsselstellen wirkt sich innerhalb kürzester Zeit auf Lieferketten, Transportkosten und Handelsströme aus.
Bab el-Mandeb: der Zugang zum Roten Meer
Die strategische Bedeutung von Bab el-Mandeb ergibt sich aus seiner geografischen Lage. Die Meerenge bildet den südlichen Zugang zum Roten Meer und damit zur wichtigsten Seeverbindung zwischen Europa und Asien.
Ihr Name wird häufig mit «Tor der Tränen» übersetzt. Die Herkunft dieser Bezeichnung ist nicht eindeutig geklärt, verweist jedoch auf die lange Seefahrtsgeschichte der Region sowie auf die schwierigen nautischen Bedingungen, die den Schiffsverkehr über Jahrhunderte geprägt haben.
An ihrer engsten Stelle misst die Meerenge lediglich 29 Kilometer. Auf der arabischen Seite liegt der Jemen, auf der afrikanischen Seite Dschibuti und Eritrea. Trotz ihrer begrenzten geografischen Ausdehnung gehört die Region zu den strategisch bedeutendsten Transitkorridoren des Welthandels.
Täglich passieren Millionen Barrel Rohöl sowie zahlreiche Container-, Massengut- und Flüssiggasschiffe diesen Seeweg. Schätzungen zufolge werden über Bab el-Mandeb rund 10 bis 12 Prozent des weltweiten Seehandels abgewickelt. Gleichzeitig verläuft ein erheblicher Teil des Containerverkehrs zwischen Europa und Asien durch diesen Korridor.
Entscheidend ist jedoch, dass es für den Zugang zum Suezkanal von Süden her keine wirtschaftlich vergleichbare Alternative gibt. Wird die Passage durch Bab el-Mandeb beeinträchtigt, müssen Schiffe auf deutlich längere Routen ausweichen, mit entsprechenden Folgen für Transportzeiten und Kosten.
Der Suezkanal: Rückgrat der Handelsverbindung zwischen Europa und Asien
Die heutige Bedeutung des Suezkanals lässt sich nur vor dem Hintergrund der historischen Handelsrouten verstehen. Vor seiner Eröffnung im Jahr 1869 waren Schiffe zwischen Europa und Asien gezwungen, den afrikanischen Kontinent über das Kap der Guten Hoffnung zu umfahren.
Mit dem Bau des Kanals verkürzte sich der Seeweg zwischen Europa und Asien um rund 7.000 Kilometer. Damit veränderten sich die Rahmenbedingungen des internationalen Handels grundlegend.
Heute passieren jährlich rund 25.000 Schiffe den Kanal. Über ihn werden 12 bis 15 Prozent des weltweiten Handels sowie nahezu 30 Prozent des Containerverkehrs zwischen Asien und Europa abgewickelt. Gemeinsam mit der parallel verlaufenden SUMED-Pipeline übernimmt der Kanal zudem eine zentrale Funktion für den Transport von Energierohstoffen zwischen dem Nahen Osten und den europäischen Märkten.
Für Ägypten besitzt die Wasserstrasse auch aus wirtschaftlicher Sicht eine herausragende Bedeutung. Die Transitgebühren zählen zu den wichtigsten Quellen staatlicher Deviseneinnahmen.
Wie verwundbar dieses System ist, wurde im März 2021 sichtbar. Damals lief das Containerschiff Ever Given auf Grund und blockierte den Kanal während sechs Tagen vollständig. Innerhalb weniger Tage waren Warenströme im Wert von Milliarden US-Dollar blockiert. Der Vorfall führte eindrücklich vor Augen, wie stark der Welthandel von einer einzigen Wasserstrasse abhängig ist.
Welche Güter diesen Korridor passieren
Über die Route durch Bab el-Mandeb und den Suezkanal werden zahlreiche Güter transportiert, die für die Weltwirtschaft von zentraler Bedeutung sind.
Zu den wichtigsten Frachten zählen Rohöl und raffinierte Erdölprodukte, die aus dem Nahen Osten in Richtung Europa verschifft werden. Auch Flüssigerdgas (LNG) nutzt diesen Seeweg. Hinzu kommen Agrarrohstoffe wie Weizen, Reis und Sojabohnen, die zwischen den grossen Anbaugebieten und den Verbrauchsmärkten Europas, Nordafrikas und Asiens transportiert werden.
Eine ebenso wichtige Rolle spielt der Containerverkehr. Elektronikprodukte aus China und Südostasien, Fahrzeuge aus Japan und Südkorea sowie zahlreiche Industrie- und Konsumgüter gelangen über diesen Korridor nach Europa. In umgekehrter Richtung werden Maschinen, Chemikalien und andere hochwertige Industriegüter aus Europa in die asiatischen Märkte exportiert.
Die Bedeutung dieser Route geht daher weit über den Energiesektor hinaus. Eine Unterbrechung würde zahlreiche Branchen gleichzeitig betreffen – von der Automobilindustrie bis hin zur Lebensmittelversorgung.
Welche Folgen eine Sperrung hätte
Fällt die Verbindung über Bab el-Mandeb und den Suezkanal aus, bleibt den Reedereien im Wesentlichen nur der Umweg über das Kap der Guten Hoffnung an der Südspitze Afrikas.
Diese Route ist seit Jahrhunderten etabliert und technisch problemlos befahrbar. Allerdings verlängert sie die Strecke zwischen Asien und Europa erheblich. Je nach Ausgangs- und Zielhafen müssen Schiffe mit zehn bis vierzehn zusätzlichen Seetagen rechnen.
Die wirtschaftlichen Folgen einer solchen Umleitung sind erheblich. Der Treibstoffverbrauch steigt, Schiffe und Besatzungen sind länger gebunden, und die Versicherungsprämien erhöhen sich. Gleichzeitig wird ein Teil der globalen Transportkapazität faktisch gebunden, da dieselben Schiffe für denselben Warenumschlag mehr Zeit benötigen.
Nach Einschätzung der UNCTAD haben die Umleitungen im Zuge der jüngsten Störungen im Roten Meer die Nachfrage nach zusätzlicher Transportkapazität deutlich erhöht. Zeitweise verdoppelten sich wichtige Frachtraten im Containerverkehr. Solche Entwicklungen wirken sich letztlich entlang der gesamten Wertschöpfungskette aus und können zu höheren Preisen für Unternehmen und Verbraucher führen.
Warum Rohstoffhändler und Investoren die Region genau beobachten
Für Rohstoffhändler, Reedereien und Investoren zählt die Region rund um Bab el-Mandeb zu den sensibelsten geopolitischen Brennpunkten des globalen Handels.
Veränderungen der Sicherheitslage im Jemen oder in der weiteren Region können unmittelbare Auswirkungen auf Schifffahrtsrouten, Transportkosten und Versicherungsprämien haben. Bereits ein teilweises Ausweichen von Schiffen auf längere Routen führt häufig zu steigenden Frachtraten und belastet internationale Lieferketten.
Entsprechend verfolgen Marktteilnehmer die Entwicklungen vor Ort mit grosser Aufmerksamkeit. Daten über Schiffsbewegungen im Roten Meer liefern oft frühzeitig Hinweise auf mögliche Belastungen der Handelsströme und werden von vielen Händlern ebenso intensiv beobachtet wie Lagerbestände, Produktionsdaten oder Preisentwicklungen auf den Rohstoffmärkten.
Ein unverzichtbarer Knotenpunkt des Welthandels
Bab el-Mandeb und der Suezkanal gehören zu den wenigen maritimen Schlüsselstellen, über die ein beträchtlicher Teil des Welthandels abgewickelt wird.
Gemeinsam mit anderen strategischen Engpässen wie der Strasse von Malakka oder der Strasse von Hormus bilden sie das Rückgrat des globalen Seeverkehrs. Ihre Bedeutung ergibt sich nicht allein aus ihrer geografischen Lage, sondern vor allem aus der Tatsache, dass es für viele Handelsströme keine wirtschaftlich gleichwertigen Alternativen gibt.
Die Stabilität und Sicherheit dieser Routen bleibt deshalb ein zentrales Interesse von Staaten, Unternehmen und Marktteilnehmern weltweit. Solange der Welthandel auf effiziente maritime Verbindungen angewiesen ist, werden Bab el-Mandeb und der Suezkanal zu den strategisch wichtigsten Knotenpunkten der globalen Wirtschaft zählen.