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Der Weizen für ein Stück Brot könnte seine Reise in der ukrainischen Steppe begonnen haben. Nach der Verladung auf einen Massengutfrachter in Odessa passiert er eine der schmalsten Wasserstrassen der Welt – vorbei an Wohnhäusern, Moscheen und Uferrestaurants mitten in Istanbul. An den türkischen Meerengen treffen die globalen Rohstoffmärkte auf eine geografische Realität, die seit Jahrtausenden unverändert ist. Hier entscheidet ein Wasserstreifen, der stellenweise schmaler ist als manche Stadtparks, darüber, ob Getreide die Weltmärkte erreicht und ob Öl nach Europa gelangt.

Drei Gewässer, ein System

Die türkischen Meerengen bilden ein dreiteiliges System, das das Schwarze Meer mit dem Mittelmeer verbindet. Der Bosporus ist 30 Kilometer lang, an seiner engsten Stelle nur 700 Meter breit und durchquert das Zentrum Istanbuls. An seinem südlichen Ende mündet er in das Marmarameer, ein Binnenmeer zwischen den beiden Meerengen. Von dort führen die Dardanellen weiter. Sie sind 61 Kilometer lang und verbinden das Marmarameer mit der Ägäis und damit mit den Weltmeeren.

Der einzige Weg aus dem Schwarzen Meer

Das Schwarze Meer verfügt über keinen anderen Zugang zum Mittelmeer. Für die Anrainerstaaten Russland, Ukraine, Georgien, Rumänien und Bulgarien führt praktisch der gesamte Seeverkehr durch diese Passage. Es gibt weder eine Ausweichroute noch eine alternative Verbindung auf dem Seeweg. Der Transport über Land ist die einzige Alternative, allerdings deutlich teurer, langsamer und in seiner Kapazität begrenzt.

Eine Millionenstadt am Engpass

Der Bosporus verläuft mitten durch Istanbul. Mehr als 15 Millionen Menschen leben an seinen Ufern, und die Wasserstrasse bildet die Grenze zwischen Europa und Asien. Wohnhäuser reichen teilweise bis ans Wasser. Fähren queren die Schifffahrtsrouten im Minutentakt. Dazwischen manövrieren voll beladene Tanker durch enge Kurven und starke Strömungen.

Hinzu kommen anspruchsvolle Strömungsverhältnisse. Während das Oberflächenwasser nach Süden in Richtung Ägäis fliesst, bewegt sich in der Tiefe ein salzreicher Gegenstrom nach Norden. Nebel kann rasch aufziehen. Die engen Kurven zwingen grosse Schiffe dazu, ihre Geschwindigkeit deutlich zu reduzieren.

Diese Risiken sind keineswegs theoretischer Natur. Im März 1994 kollidierte der Tanker Nassia im Bosporus mit einem Frachtschiff, geriet in Brand und brannte mehrere Tage lang. 29 Besatzungsmitglieder kamen ums Leben. Die Meerenge blieb sechs Tage lang für den Schiffsverkehr gesperrt. Für eine Wasserstrasse, die täglich rund 130 Schiffe und jährlich mehr als 50’000 Schiffe abfertigt, hatte dies erhebliche Auswirkungen.

Welche Güter passieren die Meerengen?

Die türkischen Meerengen transportieren eine aussergewöhnlich vielfältige Palette von Gütern. Gerade diese Kombination macht ihre wirtschaftliche Bedeutung aus.

Im Energiebereich werden über die Meerengen rund 3 bis 4 Prozent des weltweiten Handels mit Rohöl und Erdölprodukten abgewickelt. Das entspricht etwa 3 Millionen Barrel Rohöl pro Tag sowie rund 20 Millionen Tonnen Erdölprodukte pro Jahr. Ein grosser Teil dieser Mengen stammt aus Kasachstan und wird über das Caspian Pipeline Consortium (CPC) zum russischen Schwarzmeerhafen Noworossijsk transportiert. Dort wird das Öl auf Tanker verladen, die Kurs auf das Mittelmeer nehmen.

Im Agrarbereich zählen Russland und die Ukraine zu den wichtigsten Exporteuren von Weizen, Mais und Sonnenblumenöl. Der überwiegende Teil dieser Exporte verlässt die Region über Häfen am Schwarzen Meer. Sonnenblumenöl, das viele eher mit Supermarktregalen als mit geopolitischen Fragen verbinden, wird in gewaltigen Mengen verschifft. Dasselbe gilt für Kohle. Die Meerengen sind damit zugleich eine zentrale Route für Energieträger, Agrarrohstoffe und militärische Transporte.

Die bis heute gültige Konvention von 1936

1936 versammelten sich Vertreter der Grossmächte in der Schweizer Stadt Montreux und unterzeichneten einen Vertrag, der bis heute regelt, wer unter welchen Bedingungen die türkischen Meerengen passieren darf.

Die Montreux-Konvention unterscheidet zwischen Handels- und Kriegsschiffen. Für Handelsschiffe ist die Durchfahrt in Friedenszeiten frei. Die Türkei darf den zivilen Schiffsverkehr nicht ohne rechtliche Konsequenzen einschränken. Für Kriegsschiffe gelten dagegen deutlich strengere Vorschriften. Staaten ohne Schwarzmeerzugang dürfen nur Schiffe begrenzter Grösse entsenden, und diese dürfen sich höchstens 21 Tage im Schwarzen Meer aufhalten. Grössere Schiffsklassen, darunter Flugzeugträger, sind faktisch ausgeschlossen.

Die strategische Bedeutung der Türkei

Die strategische Bedeutung der Türkei rückte im Februar 2022 ins Zentrum der Aufmerksamkeit, als Russland seine gross angelegte Invasion der Ukraine begann. Ankara berief sich auf die Montreux-Konvention und sperrte die Meerengen für Kriegsschiffe aller kriegführenden Staaten. Dadurch wurden sowohl russische Verstärkungen aus dem Mittelmeer als auch zusätzliche NATO-Schiffe am Zugang zum Schwarzen Meer gehindert.

Mit einem Vertrag aus dem Jahr 1936 gelang es der Türkei, als Hüterin des Zugangs zum Schwarzen Meer aufzutreten. Weder Russland noch die NATO konnten diesen Schritt ohne Weiteres infrage stellen.

Die Verbindung zum Brotpreis

Spätestens seit 2022 lässt sich die Bedeutung der Meerengen für die globale Ernährungssicherheit kaum noch übersehen. Die Ukraine zählt zu den wichtigsten Getreideexporteuren der Welt und ist ein zentraler Lieferant von Weizen für den Nahen Osten, Nordafrika und weite Teile Subsahara-Afrikas. Der überwiegende Teil dieser Exporte verlässt das Land über Häfen am Schwarzen Meer und passiert anschliessend die türkischen Meerengen.

Als der Krieg den Schiffsverkehr beeinträchtigte, schossen die Weizenpreise auf den Weltmärkten in die Höhe. Die Folgen waren unmittelbar spürbar: In zahlreichen Ländern, die auf Getreideimporte angewiesen sind, stiegen die Lebensmittelpreise deutlich an. Eine vorübergehende Vereinbarung – die von den Vereinten Nationen und der Türkei vermittelte Schwarzmeer-Getreideinitiative – ermöglichte später die Wiederaufnahme der Exporte. Entsprechend reagierten die Agrarmärkte sowohl auf die Bekanntgabe des Abkommens als auch auf dessen späteres Auslaufen.

Die Lehre daraus ist einfach: Was in einem 700 Meter breiten Schifffahrtskanal in Istanbul geschieht, kann sich direkt auf den Brotpreis in Kairo, Nairobi oder Beirut auswirken.

Warum Rohstoffhändler die Meerengen genau beobachten

Wer mit Rohstoffen handelt, verfolgt die Entwicklungen an den türkischen Meerengen aufmerksam. Eine länger andauernde Sperrung würde Exporte von kasachischem und russischem Rohöl behindern und kostspielige Umleitungen über Land oder über Häfen im Norden erforderlich machen, die kaum über ausreichende Kapazitäten verfügen. Auch die Agrarmärkte reagieren äusserst sensibel: Bereits Hinweise auf mögliche Störungen können die Preise für Weizen- und Mais-Futures innerhalb weniger Stunden bewegen.

Die Rolle der Türkei verleiht dem Land dabei besonderes Gewicht. Als NATO-Mitglied pflegt Ankara zugleich enge wirtschaftliche Beziehungen zu Russland. Vor allem aber kontrolliert die Türkei als einziger souveräner Staat eine Wasserstrasse, für die es keine Alternative gibt. Damit bleibt die türkische Aussenpolitik ein Faktor, den Rohstoffhändler ebenso wie politische Entscheidungsträger genau im Auge behalten.